Liebe Festgemeinde,

meine sehr verehrten Damen und Herren!

Es gibt ja viele Möglichkeiten von Rollenkonflikten. Im Fußball – ich bringe dieses Beispiel, weil ich hier viele Fans des SK Vorwärts Steyr wähne – gibt’s die Spieler-Trainer.

Es gibt die Chefredakteure, die als Fanboys jener Politiker agieren, die sie zugleich beschreiben und kritisch kommentieren sollen – soll ja schon vorgekommen sein.

Oder aktivistische Schreiber, die die Welt, die sie beschreiben, verändern wollen.

Und dann gibt’s die Laudatoren, die so ein bisschen mitgeehrt sind. Das ist der Rollenkonflikt, in dem ich mich heute bewege.

Ich soll hier die die Laudatio auf das Museum Arbeitswelt halten.

Als Co-Kurator der gegenwärtigen Dauerausstellung im Museum Arbeitswelt (gemeinsam mit unserem Freund Harald Welzer), bin ich ja an in einem kleinen, überschaubaren Zeitraum von zwei Jahren an der Performance dieses Museums mitbeteiligt, ich bin „ein Stück des Weges“ mit denen mitgegangen, um hier eine zu Tode zitierte Redewendung zu gebrauchen. Das hat aber auch den Vorteil, dass ich nicht nur die handelnden Personen, den Spirit dieses Museums sondern auch die Schwierigkeiten, die Fragen beim Ausstellen von Geschichte und Gegenwart der Arbeit im 21. Jahrhundert sehr genau kenne. Schließlich haben wir uns sehr intensiv mit diesem Problem auseinander gesetzt.

Dass der österreichische Museumspreis für das MAW hochverdient und geradezu überfällig ist, ergibt sich schon aus der Geschichte dieses Museums. 1987 gegründet, war es bald DAS österreichische Museum für Industrie- und Arbeiterkultur.

Erinnern wir uns kurz an den Geist dieser Zeit:

Das war eine Zeit, in der – von Großbritannien ausgehend – die Geschichte der Lebenswelten der einfachen Leute, der Arbeiter und Arbeiterinnen, überall erzählt wurde, die Geschichtswissenschaft selbst aber revolutioniert wurde. Nicht als „objektive“, neutralistische Geschichtswissenschaft, sondern als immer schon parteiische Geschichte. Geschichte der Arbeiterbewegung, Oral-History – also die Geschichten jener – die kleinen und die großen Geschichten jener, die ansonsten nicht gehört werden.

„Spuren der Besiegeten“, hießen Bücher, die damals populär wurden, oder auch, ganz berühmt, „The Peoples History of the United States“ von Howard Zinn, verbunden ist diese neue Ära der Geschichtswissenschaft mit Namen wie E.P. Thompson oder Eric J. Hobsbawm und mit der Schule der „Annales“ in Frankreich. Geschichte von Unten. In unserem Fall: die jüngste Geschichte von unten, die Geschichte von Industrialisierung und Arbeit in den vergangenen 200 Jahren.

Paradoxerweise war diese kämpferische Aneignung dieser Geschichte, diese Lebendigkeit von Museen als „Peoples Museum“, als Museen des normalen Volkes, zugleich mit deren Musealisierung verbunden. Diese Museen setzten sich meist in den Ruinen der Industrialisierung fest, im Moment der Deindustrialisierung.

Wir erlebten den Untergang der Großindustrien oder den schleichenden Verlust von Arbeitsplätzen im produzierenden Gewerbe, man kann auch sagen, den schleichenden Niedergang der Arbeiterklasse und zugleich die Musealisierung dieser Kultur.

In England eröffneten diese Museen, während die Arbeiterbewegungen ihre empfindlichsten Niederlagen einstecken mussten, in Österreich eröffnete das MAW ausgerechnet in jener Ära, in der die verstaatlichte Industrie, die österreichische Eisen- und Stahlindustrie und – konkret – die Steyr-Daimler-Puch-Werke in eine schwere Krise gerieten.

„Abschied vom Malocher“ nennt das Lutz Raphael.

Dass die Kultur der einfachen Leute ins Museum kam, bedeutete also einerseits eine Aufwertung industrieller Alltagskultur, aber zugleich Selbsthistorisierung, unterstrich das Image des Gestrigen und Unzeitgemäßen. Arbeiter, Lebenswelten, die sich rund um industrielle Arbeit organisierten, das war etwas Untergegangenes, gerade richtig fürs Museum.

Diese Peoples History wurde also mit einer Bürde geboren: als Nostalgie gegenüber eine versinkenden Ära, oft sogar als Ruin Porn.

Umso großartiger die Geschichte, die das Museum Arbeitswelt schon mit seiner ersten Ausstellung erzählte: Arbeit – Mensch – Maschine.

Als parteiische Museen, als Museen die nicht einfach nüchtern, kühl, ohne auf einer Seite zu stehen eine Geschichte erzählen, salopp formuliert als in einem nicht parteipolitischen, aber gesellschaftshistorischen Sinne „rote Museen“ können diese Ausstellungshäuser nicht nur Ausstellungshäuser sein.

Sie müssen lebendige Zentren ihrer Gemeinschaften sein, in den Städten, den großen, den kleinen Städten.

Auch in dieser Hinsicht ist das Museum Arbeitswelt einfach großartig. Es ist nicht nur ein kultureller und gesellschaftlicher Fixstern in Steyr, sondern in der gesamten Region. Und mit den Menschen und der Kultur, die ausgestellt wird, aufs engste verbunden.

Nur so als Beispiel: wie selbstverständlich Leute wie zum Beispiel Ernst Schönberger dem Museum verbunden sind, der Führungen macht, der früher Betriebsrat bei MAN in Steyr war oder sein Bruder Peter Schönberger, ein tragender Pfeiler des Freundeskreises des Museums.

Aber nicht nur mit den natürlichen Stakeholdern – Arbeitern, Angestellten, Gewerkschaftern, Betriebsräten –, ist das Museum lebendig verbunden, sondern auch mit der gesamten Kultur und Gegenkultur im Städtchen selbst. Gleich nebenan liegt der Kulturverein Röda. Steyr hat diese Lebendigkeit, unlängst gab es den Film mit dem herrlichen Namen „Jedem Dorf sein Underground“, der es in die großen Kinos des Landes schaffte.

Dieses Museum, das die Welt der Produktion ausstellt, ist eine Produktionsstätte, eine Brutstätte nämlich. Eine Brutstätte kleinstädtischer progressiver Kultur, eine Produktionsstätte auch des lokalen Zusammenhalts und eine Produktionsstätte des Egalitären. Zwar gibt es wie überall funktionale Hierarchien, aber eigentlich keine Chefs, zumindest nicht mit Chefallüren.

Alle sind da gleich viel wert. Auch das prägt nicht nur den Spirit des Museums, sondern ist wohl ein wichtiger Grund für seinen Erfolg.

Paradox: Die Vergangenheit produziert die Steyr Gegenwart.

Natürlich hat dieses Museum, wie übrigens alle diese Industriemuseen, diese Peoples Museum, diese Arbeitsmuseen ein Problem, oder ein paar Probleme. Das erste ist natürlich: Was seit 30 Jahren existiert, legt Staub an. Und zwar nicht nur faktisch, sondern auch metaphorisch.

Darstellungsweisen veralten.

Darstellungsweisen von Arbeiterbewegung, Aufstieg von Gewerkschaftsbewegung und damit verbundenen politischen Bewegungen, von Sozialdemokratie und anderen Arbeiterparteien. In den achtziger Jahren hat man die Geschichte der Industrialisierung noch in den Begrifflichkeiten von Klassenkampf, aber auch mit Blick auf die Institutionen, die institutionellen Netzwerke der Arbeiterkultur erzählt.

Und man hat sie als Industriegeschichte erzählt, man hat die Maschinen ausgestellt, die Werksstätten, die Dampfmaschinen. All das ist ja nicht falsch geworden. Aber, wie überall, zeigt sich dann nach einiger Zeit Modernisierungsbedarf.

Denn wie verbindet man die Narrative der Vergangenheit mit den Fragen der Zukunft?

Wie erzählt man diese Geschichten – etwa in einer Ära des Individualismus, der Prekarität, der eher den Einzelnen fordernden und überfordernden Leistungsorientierung, in der Gesellschaft der Singularitäten?

Damit haben wir uns dann auch in der Entwicklung der neuen Dauerausstellung auseinandergesetzt und wir sind dabei wieder auf Schwierigkeiten gestoßen, vor denen viele Museen dieser Art stehen: Stellst Du die Arbeit aus, dann stellst du Maschinen aus, du zeigst vielleicht Fabriken, Fertigungsketten, ja, vielleicht auch die Produkte. Du zeigst die Konflikte, vielleicht mit Foto- und Videomaterial, Fotos von Streiks, jüngeren Datums, älteren Datums, vielleicht auch die Fahnen der Gewerkschaftsgruppen, Stechuhren, Fabrikglocken…

Worauf ich hinaus will, ist gewissermaßen die Falle des Artefakts. Großartige Maschinen, beeindruckende Dampfmaschinen, wie Monster oder Saurier im Raum, die Feuer und Dampf spucken. Das Artefakt kann aber auch die Menschen erschlagen, in dem Sinne, dass sie ihre Geschichten in den Hintergrund rücken. Aber in einem Peoples Museum müssen diese Geschichten im Vordergrund sein. Wie fühlen sich die Menschen bei all dem, was sind ihre Sehnsüchte, was berührt sie, was kränkt sie? Welche Werte haben sie, welche Werte und moralischen Urteile verbinden sie?

Arbeit ist unsichtbar haben wir in diesem Sinne verstanden. Dass neben den sichtbaren Dimensionen es so ungeheuer viele unsichtbare Dimensionen sind, psychosoziale Dimensionen, die eigentlich das Wichtigste sind: Fühle ich mich respektiert in meiner Arbeit, stärkt sie meinen Selbstwert, oder untergräbt sie ihn, was macht es mit den Leuten und den Gemeinschaften, wenn jeder nur mehr um sich selbst kämpft, wie verzagt wird man dann, welcher Groll wächst dann vielleicht sogar in einem.

Der Stolz des Arbeiter auf sein Können, seine Fertigkeiten, auf das Produkt auch. Die Identität, die man aus dem Beruf erlangt. Der Status, dessen Quelle das ist. Und der Statusverlust, wenn man Abwertung erlebt oder auch nur empfindet.

Kollegialität, Betriebsklima, all das, was in unserem Berufsleben zentral ist, ist nicht sichtbar. Wie stellt man das Unsichtbare aus, die Geschichten der Menschen, deren Emotionen und Wünsche?

Wie gesellschaftspolitisch aktuell das ist sieht man schon, wenn man bedenkt, was heute denn die großen Debatten unserer Zeit bestimmt: dass sich immer mehr Menschen von der Politik abwenden, weil sie sich nicht mehr wahrgenommen fühlen, weil sie sich nicht gehört fühlen.

Aber was heißt denn das anders, als dass sich niemand für ihre Geschichten interessiert, niemand dafür interessiert, wie es den einfachen Leuten geht. Dass sie sich als ersetzbar erleben, nicht respektiert.

Peoples Museum gibt den normalen Menschen eine Stimme und zeigt ihre Geschichten und ist eine Antwort auch die Unsichtbarkeit und Ungehörtheit der einfachen, normalen Leute.

All das leistet dieses Museum. Aber so wie bei der Thematik – der Arbeit – selbst, so gilt auch hier: Nicht DAS MUSEUM leistet das, sondern die Menschen, die in diesem Museum arbeiten.

Das Grandiose an diesem Team ist, dass man mit ihm in all diese Fragen eintauchen kann, auch die Begeisterung für die Thematiken. Das Museum ist für die Beschäftigten da kein Arbeitsplatz, es ist ein Leben. Man spürt das dem Museum Arbeitswelt an.

Katrin Auer hat diese Modernisierung, diese Suche nach dem neuen Stachel, der neuen Erzählung, die die aktuellen Probleme unserer Jetztzeit berührt, die also weh-tut, so großartig als Leiterin dieses Museum angestoßen und moderiert. Ihr Nachfolger Stephan Rosinger war bisher schon eine zentrale Person, mit seinem Witz und seinem Intellekt, Martin Hagmayr und bis vor kurzem Robert Hummer mit ihrem Wissen und ihrer Wissens- und Recherchegier… Andrea Fallent vom Info Point, Claudia Wimmer, Bettina Ebner, Felix Fröschl, Verena Moos, Philip Templ, Andreas Liebl, Stefan Gruber…

Aber auch die vielen vielen anderen Menschen, die immer wieder Hand anlegen, nicht formal Teil des Museums, aber natürlich real, wie Katharina Höfler und Michael Atteneder, Leute aus dem Freundeskreis des Museums wie Karl Ramsmaier vom Mauthausen Komitee Steyr, oder die den Makerspace an der Rückseite des Museums betreiben.

Glauben Sie mir, es ist einfach großartig mit so wunderbaren Leuten zu arbeiten. Und noch großartiger ist, wenn dann etwas rauskommt, das dann Anerkennung findet. Und ich verstehe diese Würdigung auch als Anerkennung für die neue Dauerausstellung. Aber diese ist eben nur ein kleiner Teil. Höchstens einer von drei Aspekten.

Aspekt eins, um das noch einmal zusammen zu fassen: mehr als dreißig Jahre engagierter, parteilicher Geschichte der einfachen Leute, ein echtes Museum des Volkes, for the People, by the People.

Aspekt zwei, die Bedeutung des Museums als strukturierender Fixstern kultureller Netzwerke, der egalitären Lebenswelten in der Gemeinde und der Region.

Und Aspekt drei, die Fähigkeit, all das in Bewegung zu erhalten, sich mit dem Erreichten nicht abzufinden, das Institutionalisierte wieder aufzubrechen.

Vielleicht ist das auch die Gnade der geografischen Lage: Bevor irgendwas ständisch und stehend wird, kommt ein Hochwasser und schwemmt es weg.

All das zeichnet das Museum Arbeitswelt in seiner Geschichte aus, all das zeichnet sein gegenwärtiges Team aus und wer immer in den vergangenen 35 Jahren seinen Beitrag geleistet hat zu diesem Haus – Gabi Heger, Udo Wiesinger und Gerald Wörister sind aus dieser Generation hier –, jeder einzelne und jede einzelne haben diese Ehrung verdient.

Ich gratuliere Euch! Ihr seid großartig!