Auf Spuren­suche mit der let­zten Über­leben­den aus dem Zwangsar­beit­slager 80

 

WARUM WURDE ICH IN STEYR GEBOREN? 

„Warum ste­ht in mein­er Geburt­surkunde, dass ich in Steyr in Öster­re­ich geboren wurde?“. Das fragte sich die Yolande Rouchetel Pioger, als sie anlässlich ihrer Hochzeit in den 1970ern eine Geburt­surkunde benötigte. Am 31. Okto­ber 2022 besucht­en die Französin und ihre Tochter Ann-Lau­re nun Steyr, um Antworten darauf zu find­en. Antworten auf die Fra­gen, wieso der Geburt­sort von Yolande Steyr ist,  wieso ihre Mut­ter in Öster­re­ich war und was sich hin­ter der Beze­ich­nung „Lager 80“ ver­birgt. Unter­stützt durch Doris Hör­mann vom Stadtarchiv Steyr, Mar­tin Hag­mayr vom Muse­um Arbeitswelt und dem Mau­thausen Komi­tee Steyr macht­en sie die bei­den Französin­nen auf die Suche nach Antworten.

Dass ihre Eltern nicht ihr leib­lichen Eltern waren, son­dern sie als Kleinkind adop­tiert wurde, war ihr bewusst. Das ihr Geburt­sort jedoch nicht in Frankre­ich liegt, war eine Tat­sache, die sie erst anlässlich ihrer Eheschließung erfuhr.
Warum ihre Mut­ter 1945 in Steyr war, was sie dort getan hat­te und was genau die Umstände ihrer Geburt waren, das alles wusste sie nicht. Es gab nie­man­den mehr den sie fra­gen kon­nte und vielle­icht hat­te sie auch Angst vor den möglichen Antworten. 

Zwangsar­beit in Steyr
Andrée Couchard Rouchetel, die leib­liche Mut­ter von Yolande,  kam am 29. Mai 1942 aus Le Mans im beset­zten Frankre­ich nach Steyr. Vor Ort musste sie für den Rüs­tungskonz­ern Steyr-Daim­ler-Puch AG als Fräserin in der Waf­fen­pro­duk­tion arbeit­en und Zwangsar­beit leis­ten. Sie über­lebte den Luftan­griff vom Feb­ru­ar 1944, bei dem mehrere Bomben auch das Lager Dunkel­hof trafen, in dem sie sich zu diesem Zeit­punkt befand. Mehr als 20 Fran­zosen und Französin­nen sind als Opfer dieses Luftan­griffes heute noch am Fried­hof der Stadt Steyr begraben. Danach war sie noch im Frauen­lager 81 in Münich­holz, sowie in einem Lager im Stadt­teil Ennsleite, unterge­bracht. Befre­it wurde sie durch die Ankun­ft von US-Trup­pen am 5. Mai 1945. Am 6. Juni 1945 kehrte sie nach Frankre­ich zurück. Mit dabei ihre in Steyr geborene Tochter Yolande. 

Von der Mut­ter getren­nt
Yolande Rouchetel Pioger war am 17. Jän­ner 1945 im Kranken­haus Steyr auf die Welt gekom­men. Die Tochter wurde nach der Geburt von der Mut­ter getren­nt und ins Lager 80 in Münich­holz gebracht, wo vor allem Zwangsar­bei­t­erin­nen aus der Sow­je­tu­nion unterge­bracht waren.  

Warum Frau Rouchetel als Säugling ins Lager 80 kam und von der Mut­ter getren­nt wurde, kön­nen wir nur spekulieren. Quellen zeigen, dass in den Monat­en vor Kriegsende dort einige Kleinkinder unterge­bracht waren. Es ist möglich, dass es dort einen eige­nen Bere­ich zur Ver­sorgung von Säuglin­gen von Zwangsar­bei­t­erin­nen gab, während die Müt­ter weit­er­hin in den Fab­riken arbeit­en mussten. Wir wis­sen lei­der auch, dass nicht alle Kinder diese Zeit im Lager über­lebten. Aktuell ist Frau Rouchetel die einzige bekan­nte noch lebende Über­lebende dieses Lagers“, so Mar­tin Hag­mayr, His­torik­er im Muse­um Arbeitswelt und Mit­glied des Mau­thausen Komi­tees Steyr. 

Antworten in Steyr
Gemein­sam mit Mar­tin Hag­mayr begaben sich Frau Yolande Rouchetel Pioger die heute noch in Le Mans wohnt und ihre Tochter Anne-Lau­re Ende Okto­ber auf Spuren­suche in Steyr. Sie haben den Stollen der Erin­nerung besichtigt, in dem auch das Schick­sal von Paulette Callan­dreau geschildert wird, die im sel­ben Lager wie die Mut­ter von Yolande war. Im Gegen­satz zu Andrée Couchard Rouchetel hat Paulette Callan­dreau den Luftan­griff nicht über­lebt.

Darüber hin­aus besucht­en die bei­den Französin­nen noch das Steyr­er Kranken­haus und die Stan­dorte der ehe­ma­li­gen Lager in Steyr.  Die Orte, in denen die Mut­ter und auch die Tochter in Steyr unterge­bracht waren, existieren heute nicht mehr. „Statt dem Lager 80 befind­et sich heute eine Schre­ber­garten­sied­lung. Statt dem Lager 81 befind­en sich heute Indus­triebe­triebe.“, führt Mar­tin Hag­mayr aus. 

Für Frau Yolande Rouchetel Pioger und ihre Tochter war es den­noch ein auf­schlussre­ich­er, vor allem aber emo­tionaler Besuch. Viele Fra­gen kon­nten beant­wortet wer­den. Genau­so viele Fra­gen bleiben offen: „Wer ist mein Groß­vater? Warum hat meine Groß­mut­ter bere­its ein Jahr nach ihrer Rück­kehr nach Frankre­ich ihre Tochter so rasch zur Adop­tion freigegeben? Wir besitzen nicht ein­mal eine Fotografie von ihr. Unsere Spuren­suche hat ger­ade erst begonnen.“ meint die Tochter von Yolande Rouchetel Pioger nachdenklich.


Sollte Per­so­n­en geben, zusät­zliche Infor­ma­tio­nen und Mate­ri­alien zum The­ma besitzen, kann man sich unter martin.hagmayr@nullmuseumarbeitswelt.at melden. 

Klimafest 2021 (c) Daniel Reichstaler / extrawelten image|film|production)
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