Am Tag der Eröff­nung unser­er neuen Dauer­ausstel­lung „Arbeit ist unsicht­bar“ habe ich beein­trächtigte Per­so­n­en durch ein fan­tastis­ches mit audi­tiv­en, tak­tilen und olfak­torischen Ele­menten angere­ichertes Panop­tikum begleit­et, das den Schleier vom Ver­bor­ge­nen an den Arbeit­sprozessen und ihren Umwälzun­gen im Laufe der Indus­triegeschichte wie auch von den heim­lichen Umtrieben der Arbei­t­erIn­nen lüftet.

Dabei wurde mir nicht nur bewusst, dass auch viele Bar­ri­eren, denen sich Men­schen gegenüberse­hen, im Ver­bor­ge­nen liegen, mehr noch, dass die Bar­ri­eren der anderen auch meine Bar­ri­eren sind. Und etwas ganz Entschei­den­des fiel mir noch auf (angestoßen durch das sog. Regelfolge-Prob­lem Wittgen­steins): Der Hal­tung bzw. der Ein­stel­lung der Per­so­n­en, die ich begleit­ete, schien weniger die kon­ven­tionelle Imp­lika­tion: Beein­träch­ti­gung  -> Bar­ri­eren als jene: Bar­ri­eren -> Beein­träch­ti­gung zu entsprechen. Was meine Begleit­per­so­n­en zum The­ma Bar­ri­ere­frei­heit anregten, was sie aus dem Ver­bor­ge­nen holten, zeugt von diesem Selbstverständnis.

Ins­beson­dere da, wo es um Kom­mu­nika­tion (in umfassen­dem Sinn) geht, haben Bar­ri­eren gewis­ser­maßen tran­si­tiv­en Charak­ter. Als beispiel­sweise mein blind­er Begleit­er eine der Minia­turen der Waf­fen­fab­riks-Objek­te auf dem Wehrgraben-Plan ertastete, fragte er, was das sei. Und augen­blick­lich erhielt er von jeman­dem, der weit­er weg stand, zur Antwort: die Schaft­fab­rik. In unmit­tel­bar­er Nähe ste­hend und sein Tastver­hal­ten beobach­t­end, schien mir, dass sich seine Frage eher auf die eige­nar­tig gerippte Dachstruk­tur bezog, über die er wieder­holt einen Fin­ger gleit­en ließ. Da ist sie wieder, die berühmte Frage, die Wittgen­steins Ironie provozierte: Wie kann ich wis­sen, was er meint? Nur in der Sprache, im Gebrauch von Zeichen, in Sym­bol­sys­te­men ste­hend und damit in ein­er Sozi­etät kön­nen wir uns auf Sachver­halte, auf eine Welt eini­gen, Wel­ten erschaffen.

Davon aus­ge­hend ist Bar­ri­ere­frei­heit als der Ver­such zu ver­ste­hen, Men­schen mit unter­schiedlichen Voraus­set­zun­gen in der physis­chen oder sen­sorischen Begeg­nung mit der Welt, von daher mit unter­schiedlichen Perzep­tio­nen, Men­schen mit dem Gebrauch unter­schiedlich­er Sym­bole, unter­schiedlich­er Vok­ab­u­lare und hier wiederum mit unter­schiedlichen Apperzep­tio­nen bzw. kog­ni­tiv­en Ver­hal­tensweisen, einen Kon­text zu bieten, der Übere­in­stim­mungen wie auch Mei­n­ung­sun­ter­schiede, Auf­fas­sun­gen, Ein­drücke, Vorstel­lun­gen kom­mu­nizier­bar, begreif­bar und damit ver­ste­hbar macht, somit über­haupt erst eine Welt erste­hen lässt, über die wir „reden“ kön­nen. Bar­ri­ere­frei­heit bedeutet auch, sich einen Begriff von den Din­gen machen zu kön­nen, es (allen) zu ermöglichen, Begriffe mit „Leben zu füllen“. Das ist nur inner­halb eines Sprachge­brauchs (im weit­en Sinne des Gebrauchs von Zeichen), inner­halb ein­er Kom­mu­nika­tion möglich. Der reiche sen­sorische Kon­text der neuen Ausstel­lung schafft dafür prächtige Voraussetzungen.

Autor: Werner Hermann

*Seit kurz­er Zeit haben wir die Rei­he „In eigen­er Sache”. In unregelmäßi­gen Abstän­den wer­den Mitar­bei­t­erin­nen und Mitar­beit­er des Haus­es kleine Erfahrungs­berichte, Ideen und Erleb­nisse schreiben, um die Arbeit im Muse­um für alle erfahrbar­er zu machen. Wir freuen uns auch auf Erfahrungs­berichte, Gedanken und Verbesserungswün­sche von Besucherin­nen und Besuch­ern der Ausstel­lung und der unter­schiedlichen Ver­anstal­tun­gen. Schreiben Sie uns unter: paed@nullmuseum-steyr.at.